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Blindtext
So wenig, wie man vorher sagen kann, ob eine gerade begonnene Geschichte gut ausgeht, weiß man, ob sie jemals wirklich anfängt. Nehmen wir einfach mal mich. Ich langweile mich total, nichts zu tun, im Grunde voll ausgeglichen, ziemlich unentschieden. Kann ich mir ja mal wieder ‘ne Frau anlachen, eine, die mich aushält, eine, von der ich mich aushalten lassen kann, so eine eben. Tja, wo finde ich so eine? Schließlich will ich nicht ewig suchen müssen, suchen muß ich schon zu Hause andauernd was. Ist alles vollgekrempelt, ehe ich da mal was finde. Neulich habe ich glatt fünf Stunden nach mir selbst gesucht, fünf Stunden, bis sich herausgestellt hat, daß ich gar nicht zu Hause war. Da hab ich dann aber geguckt, wo Gucken noch nie meine Stärke war. Mann, bin ich blind, da kann ich ja gleich ‘nen Blindtext schreiben, kraweel, kraweel, und der Rest geht ebenfalls blindlings. Mir kann man es sowieso nie Recht machen. Deswegen gehe ich in der Regel nach links, quasi blind, ohne hinzugucken. Also verabrede ich mich auch blind. Blinddates sind ja voll der Trend im Zeitalter der Vereinzelung am Computer. Menschen verchatten ihre Zeit und verabreden sich dann nachts mit Fremden auf Autobahnparkplätzen. Das wäre mir zu blöd. Wie soll ich denn zu einem Autobahnparkplatz kommen, so ganz ohne Auto? Und Trampen tue ich nicht, da müßte ich ja bei einem Fremden ins Auto steigen, wo ich schon nie Taxi fahre, weil ich nicht weiß, worüber ich mich mit dem Fahrer unterhalten soll. Nee, nee, ich will lieber ein klassisches Blinddate haben und zwar mit einer richtigen Frau und nicht mit einer aus dem Internet. Die Frauen, die ich bislang im Internet gesehen habe, die waren meistens eher spärlich bekleidet, und obwohl ich im Grunde nichts gegen spärlich bekleidete Frauen habe, könnte ich mich so schlecht auf ein unverfängliches Gespräch konzentrieren neben einer Halbnackten. Außerdem, wer sagt mir, daß die Frau echt ist, wenn sie aus dem Internet kommt? Es soll ja inzwischen Gummipuppen geben, die total real wirken, nur unterhalten kann man sich nicht mit ihnen, nicht mal verfänglich. Was ja blöd wäre: Sitzte mit ‘ner Gummipuppe beim Blinddate in der Kneipe und mußt dich die ganze Zeit mit dir selbst unterhalten. Und mich selbst finde ich äußerst selten unterhaltsam, wenn ich mich denn finde. Nein, ich möchte lieber eine richtige Verabredung mit einer mir Unbekannten! An einem Ort, wo man sich sieht, wenn man sich trifft. An der Weltzeituhr zum Beispiel. Sich an einer Uhr zu verabreden, fand ich als pünktlicher Mensch schon immer ganz gut, denn dort traut sich ja keiner zu spät zu kommen, weil das doch dann peinlich ist, oder nicht? Egal, von mir aus warte ich. Bloß auf wen? Wie kriege ich ein Blinddate? Glücklicherweise sind auf dem Alexanderplatz ja viele Leute unterwegs, auch Frauen. Eine wird wohl gerade nichts vor haben und zu einem Treffen mit mir bereit sein. Wie kriegt sie indes mit, daß ich auf sie warte und zwar sehnsüchtigst? Ich werde einfach Flyer herstellen und sie über den Alex fliegen lassen. Welche Frau will mich treffen? wird da drauf stehen, du solltest nicht blind sein, denn ich bin durchaus sichtbar. Sei heute um fünf an der Weltzeituhr, ich bin es genauso, und ich trage eine grüne Flasche bei mir. Nach einer Woche gebe ich mein Projekt Blinddate auf, jedenfalls vorerst. Keine hat mich angesprochen. Wenn ich mal angesprochen wurde, dann von Männern und die wollten höchstens ‘ne Kippe haben oder etwas Kleingeld. Ich aber konnte ihnen lediglich einen Schluck aus meiner Flasche anbieten, denn wäre ich im Besitz von Kleingeld gewesen, hätte ich mehr als zehn Flyer hergestellt. Alle anderen Wartenden, die an der Weltzeituhr rumgestanden haben, sind irgendwann von jemanden abgeholt worden. Dabei war da keineswegs stets Wiedersehensfreude im Spiel. Viele schienen sich nie zuvor gesehen zu haben. Die haben einfach gefragt: Bist du’s, und dann sind sie miteinandermitgegangen. Das sollte ich vielleicht auch mal versuchen. Gehe zur Weltzeituhr und frage eine Frau, die nach was aussieht, am besten nach Frau, ob sie’s ist. Die erste sagt: Das glaub ich kaum. Darauf ich: Mit Glauben kommt man nicht weit, es sei denn in der Kirche. Und sie so: Du hältst dich wohl für witzig? Nein, sage ich, alles nur nicht das. Ich bin weder witzig noch lustig, ich bin allenfalls komisch. Da muß sie lachen, und ich habe die Pointe nicht verstanden. Plötzlich guckt sie ganz freundlich und über meine Schulter hinweg. Ich gucke gleichfalls dorthin und sehe einen Mann, groß wie ein Baum, ich will nicht, daß der hier Wurzeln schlägt. Er fragt, ob ich die Frau belästige. Ich sage: Nein, noch nicht. Dabei hatte er mich gar nicht gefragt. Und nun hört er mir nicht zu. Wie unhöflich ist das denn? Ich dagegen bleibe höflich und bitte den Mann zu gehen, denn sonst… Weiter komme ich nicht. Weiter weiß ich nämlich nicht. Es entsteht eine peinliche Pause. Die Frau fragt, was denn sonst passiere. Ich sage, das ist egal, soweit wollen wir’s ja nicht kommen lassen. Wieso? Die Frau meint, sie würde das durchaus interessieren. Den Mann interessiert das nicht. Er sagt: Komm, Schatz, laß den Idioten mal Idioten sein. Weshalb ich die Frau frage, was sie von einem Typen wolle, der von sich in der dritten Person redet. Wie meinste das denn? will der Mann vor mir wissen. Ich aber spreche lieber zu der Frau. Siehste, sage ich, ganz schön schwer von Kapee, der Kerl. Auch er redet jetzt nur noch mit der Frau, fragt: Warum beschäftigen wir uns eigentlich mit so ‘nem Suffkopf? Suffkopf, meinste damit etwa mich? will ich wissen, bloß weil ich ‘ne Flasche Bier in der Hand halte? Na ja, auch, sagt der Mann. Da werf ich ihm die Flasche vor die Brust, war sowieso längst leer. Das überrascht ihn so sehr, daß er die Flasche auffängt. Suffkopf, sage ich zu ihm, und er sagt nichts. Statt dessen spricht nun eine neue Frau zu uns. Na ja, ganz neu scheint sie nicht mehr zu sein, in diesem Gespräch jedoch schon. Eigentlich spricht sie eher den neuen Suffkopf an. Ist der von dir? Sie zeigt ihm einen zerknitterten Zettel, es ist einer meiner zehn Blinddateflyer. Das erkenne ich sofort, im Gegensatz zum Angesprochenen, der deshalb verneint. ‘ne grüne Flasche trägst du trotzdem! Sie läßt nicht locker. Die ist leer, sagt er. Macht nichts, sagt sie, ich hab ‘n paar Pullen zu Hause im Kühlschrank, wenn es Dich nicht stört, daß die braun sind. Das ist okay, sagt er und guckt zu der Frau, die zuerst da war. Die guckt ebenfalls. Fragt: Und was ist mit mir? Für dich reicht’s auch noch, sagt die Frau, die hinzu kam. Und ich? frage ich. Die zweite Frau schaut mich an. Ach, bleib mal lieber hier, sagt sie. Aber, sage ich. Probier’s mal mit ‘nem Blinddate, sagt die erste Frau. Okay, sage ich, guter Tip, danke. Nichts zu danken, sagte der andere Mann und entfernt sich mitsamt Frauen. Die Flasche nimmt er auch mit. Hey, rufe ich, da ist Pfand drauf. Geht klar! hör ich ihn noch sagen.
aus: Dichter als Goethe #3. Berlin 2011. Mehr hier.
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