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Donnerstag, 29. Oktober, 10.39 Mittwoch, 28. Oktober, 14.12
Vor ziemlich genau zehn Jahren, am 12.11.1999, erschien im Magazin der Süddeutschen Zeitung ein Interview, in dem der damalige Generalsekretär der FDP mit dem Journalisten Dominik Wichmann »über Politik, Privatleben und Pippi Langstrumpf« sprach. Auf den beiden daneben abgedruckten Fotos von André Rival trägt der damals Siebenunddreißigjährige einen weißen Anzug, auf dem größeren sitzt er damit in einer venezianischen Gondel. Auch wenn er dabei weder einen wirklich entschlossenen noch stilsicheren Eindruck erweckt, das Grinsen schmallippig wirkt, die Hose nicht hundertprozentig zum Sakko paßt, das Hemd rosa ist, das Halstuch dagegen dunkel gemustert, und er zudem schwarze Schuhe und Socken trägt, war das das deutliche Zeichen eines Mann, den viele schon seit längerem für homosexuell gehalten hatten. Und so beginnt das Interview auch mit der Frage, warum er sein Privatleben bislang weitgehend vor der Öffentlichkeit geheimgehalten habe. Antwort: »Sehr Persönliches zu verraten, habe ich bislang mit Schwäche gleichgesetzt.« Im Folgenden spricht er über das »enge Verhältnis zu meinem Vater, meinen Brüdern und Freunden«, darüber, daß er sehr gesellig sein könne. Obwohl der Generalsekretär der FDP ein kontrollierter Mensch zu sein scheint, gibt er zu, daß er ab und an die Fassung verliere. Zum Beispiel habe er einmal Klaus Kinkel »richtig angebrüllt. Komplett außer Kontrolle war ich da. Ich habe förmlich gespürt, wie die Hitze in mir nach oben kroch. Der Bauch, der Brustkorb, der Hals. [...] Und dann einfach wommm. Raus mit dem Ärger.« Wenn er sich im Fernsehen sieht, sei er meistens mit sich »zufrieden, manchmal finde ich mich ziemlich gut. Manchmal aber auch das Gegenteil. Da denke ich mir dann: Mein Gott, ist dieser Typ da fürchterlich!« Als Jugendlicher habe er ganz anders ausgesehen: »Grüner, speckiger Parka, fettige Haare, Pickel im Gesicht und selbst gedrehte Zigarette in der Hand.« Aber inzwischen sei er »eben erwachsen geworden« und bekenne »sich zu seiner eigenen Identität«. Das Tragen des weißen Anzugs in Venedig hält er auch für einen ironischen Akt. Aber: »Hier in Venedig, da bin ich authentisch, hier gebe ich nichts vor, hier muß ich keine Rolle spielen.« Doch leben wolle er nicht in der Lagunenstadt, denn da gebe es »kaum Nachtleben«, weder »eine Love Parade noch ein paar Diskos um Hopsen. Das ist mir dann doch auf die Dauer zu langweilig.« Aber Action ist trotzdem nicht alles. »Erotik entsteht doch erst im Kopf«, sagt er, »[d]urch eine Assoziation, eine Andeutung, ein Versprechen von Sinnlichkeit. Denken Sie an die Bilder August Mackes, denken Sie an die Rocky Horror Picture Show. Ich weiß noch genau, so als 17-Jähriger, da habe ich den Film zum ersten Mal gesehen. Ich kann Ihnen sagen, da ging es ganz schön ab in mir.« Als Märchengestalt wäre er vielleicht gerne »Pippi Langstrumpf«, die »sowohl stark als auch unheimlich anders« sei und ganz selbstverständlich »ihr buntes und verrücktes Leben« lebe. Und das Tolle sei: »Nicht die normale Welt toleriert Pippi, sondern Pippi nimmt gnädig die Existenz dieser normalen Welt wahr.« Parteivorsitzender wolle er im übrigen nicht werden. Und mit Mitte vierzig, also 2005, 2006 werde er aus der Politik »aussteigen, um was Neues zu machen«. Guido Westerwelle, der Politiker, der einst einen weißen Anzug trug, ist längst dort angekommen, wo er angeblich nie hinwollte. Seit heute ist er Außenminister der Bundesrepublik Deutschland.
Das Bockblog bleibt bis auf weiteres oldschool also Web 1.0, soll heißen, eine Kommentarfunktion gibt es nicht. Das soll meine Leserinnen und Leser aber nicht davon abhalten, mir Meinungen und Anmerkungen per E-Mail kundzutun. Diese mache ich dann hier auch öffentlich. |
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