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Frostern
Draußen war es schon erschreckend hell. Ein weiterer schöner Frühlingsmorgen zwitscherte sich langsam heran. Klaus-Günther meinte, es sei »Zeit für die Schierlingsdose!« Eine Schierlingsdose ist ein Absackbier, den Rausch zu festigen. So kauften wir in einer Dönerdreherei zwei Bier und setzten uns auf eine Bank. »Na dann Prost!« »Ja«, Klaus-Günther hob seine Dose, »worauf trinken wir?« »Laß uns auf Jesus trinken. Der ist doch gerade mal wieder für uns gestorben!« »Von mir aus! Frostern, mein Freund, Frostern!« Wir tranken. Klaus-Günther rülpste lautlos. »Ich hab gehört, daß Jesus sich nach ‘n paar Tagen noch mal aufgerappelt hat.« »Essen tun wir ihn aber trotzdem.« »Kommt auf die Konfession an.« Klaus-Günther zerknüllte seine Dose. »Wieso?« »Es gibt nun mal unterschiedlichen Abendmahlauffassungen.« »Du bist der Theologe!« Er lachte. »Vom Studentenausweis her vielleicht. Aber es stimmt schon, drei Semester Theologie reichen bis in ein Leben nach dem Tod hinein.« Klaus-Günther stand auf. »In meinem aktuellen Leben brauche ich allerdings einen Zigarettenautomaten.« »Warum denn das?« »Zur besseren Veranschaulichung!« Also zogen wir los. Wir hatten schnell einen ausfindig gemacht, aber der gehörte weniger an eine Hauswand als in die Ewigen Jagdgründe, Abteilung Maschinenpark. Seine Glasscheibe war nämlich extrem eingedetscht. Also suchten wir weiter. Der nächste war nicht weit, bloß ebenfalls demoliert. »Was sind das nur für Menschen, die nicht mal etwas Klimperknete übrig haben für ihre Sucht?«, ärgerte sich Klaus-Günther. Ich versuchte, Klaus-Günther davon zu überzeugen, daß ich es sicherlich auch ohne Anschauungsautomaten verstehen würde, aber er ließ sich nicht von seinen Plan abbringen. Und als wir endlich einen gefunden hatten, strahlte Klaus-Günther. Er tätschelte den Kasten, dann zückte er sein Portemonnaie. »Gut, daß ich genug Pimperlinge in der Tasche habe!« Er hielt die benötigten Münzen ins Morgenlicht. »Also, stell dir vor, das hier ist das Brot und das der Wein.« Er steckte beide in den Schlitz. »Und jetzt nehmen wir einmal an, wir seien katholisch. Für uns verwandeln sich die Symbole wirklich in Gott, also in Zigaretten.« »Wir können uns den Gott aussuchen?« »Du Ignorant!« Klaus-Günther sah mich mit einem Anflug von Ärger an. »Schließlich hat jeder sein eigenes Bild von Gott, aber im Grunde genommen ist alles die gleiche Soße.« Er zog an einem Schubfach. »Voilà, ein Gott zum Anfassen!« Er hielt eine Schachtel Gauloises in der Hand. »Zwingli dagegen«, Klaus-Günther verstaute die Schachtel in einer Jackentasche und kramte nach weiteren Münzen. Ich war schneller und gab ihm das Geld. »Danke!« Er begann, die Maschine zu füttern. »Zwingli zufolge bedeuten Brot und Wein, also diese vier Münzen, Blut und Leib Christi.« Er fütterte die Maschine. »Demnach würde es bei den Penunzen bleiben.« Es klimperte nur. Unsere Symbole waren durchgefallen. Wir starrten auf die Wechselgeldklappe. »Horrido!«, Klaus-Günther fischte das Geld heraus, »der Kasten denkt tatsächlich mit.« »Na, dann zeig mir mal, wie das bei den Calvinisten ist.« »Das wird kompliziert«, stöhnte er auf, »denn in diesem Fall muß man schon fest dran glauben, wenn unten was rauskommen soll.« Er steckte das Geld wieder rein. Immerhin fiel es jetzt nicht durch. Er sah mich groß an. »Wir glauben also an die Zigaretten?« Ich nickte. Klaus-Günther zog an einem Schubfach. Nichts rührte sich. Er versuchte ein anderes. Auch das klemmte. Und noch eins. Ich half ihm beim Rütteln, doch es hatte keinen Sinn. Klaus-Günther hämmerte ärgerlich gegen die Scheibe. »Kein Wunder, daß alle Geräte hier in der Gegend zerstört werden!« »Laß gut sein!«, versuchte ich ihn zu beschwichtigen. »Wir haben vielleicht nicht fest genug daran geglaubt. Und rauchen tun wir ohnehin nicht! Pfeif aufs Geld!« »Mir geht’s aber ums Prinzip!«, fauchte er. »Dieses Ding hier hat uns offenkundig belauscht.« Er sah sich um. Hinter uns stand eins dieser tragbaren Parkverbotsschilder, das er nun heranschleifte. Ich wollte ihn beruhigen, doch er war wirklich ungehalten. Und wenn Klaus-Günther mit zu viel Alkohol im Blut ungehalten ist, läßt er sich von nichts abhalten. Mit bösem Gesicht schmetterte er das Schild ohne Unterlaß gegen den Automaten. Das wirkte. Bald schon purzelten lauter Schachteln aufs Pflaster. Klaus-Günther stellte seine Waffe ab und bückte sich. »Siehste! Wer Gott wirklich will, kriegt ihn auch.« Triumphierend streckte er zwei Schachteln in die Höhe. Plötzlich wurde es laut hinter uns. »Jetzt ham wa euch!«, brüllte es. Wir schraken zusammen, standen da doch tatsächlich zwei Polizeier, die auf uns los stürmten. »Du nach rechts!«, rief Klaus-Günther und spurtete um die linke Ecke. Also rannte ich um mein Leben. Wenn mein Leben allerdings an meinem Lauftempo gemessen werden würde, wäre es wohl schon längst um. Jedenfalls wurde ich bald eingeholt und zu Boden geworfen. Von zwei Seiten prügelte und trat man auf mich ein. Gerechtigkeit ist schon eine harte Angelegenheit. Weil unsere grüngewandeten Freunde und Helfer glücklicherweise humanistisch geschult sind, versuchten sie, neben der Demonstration von Staatsgewalt auch mit mir zu konversieren. »Du scheiß Kanake, wir werd’n dir zeijen, hier alle Zijarettenautomaten leer zu klaun, wa!«, keuchte der eine. »Hey«, ächzte ich, »ich rauche nicht mal.« »Stopp mal Ludger«, sagte darauf der eine und stellte das Treten ein, »hör ma’ uff, ick gloob, dit is’n Deutscher!« Ludger hörte auf und beugte sich zu mir herab. »Hamse etwa janich die Automaten zerkloppt?« »Nein«, stöhnte ich, »natürlich nicht.« »Warum sagnse dit nich gleich!« Er schüttelte den Kopf. »Dann mal nüscht für unjut!« Beide rückten ihre Mützen zurecht, tippten an den Schirm und wünschten mir einen schönen Tag. »Jungejunge, warum sachtn der nich’, datta det janich war!«, hörte ich den einen noch beim Fortgehen sagen. Klaus-Günther dagegen hatte das Glück gehabt, daß beide Polizeier mir gefolgt waren. Allerdings ist er dann zwei Männern begegnet, die ihn um Rauchgut angehauen haben. In seiner großzügigen Art übergab er ihnen mit den Worten »Ich rauche sowieso nicht!« die beiden Schachteln, die er noch immer bei sich trug. Das machte die Kerle skeptisch. Wie er das meine, fragte einer, aber eine Antwort warteten sie dann gar nicht ab, denn die Erklärung hatte der andere parat: »Hey Atze, das ist bestimmt der Arsch, der hier alle Zippenzieher zertrümmert.« Und so machten sie sich daran, die arme Zigarettenschleuder zu rächen. Klaus-Günther hat’s überlebt. Gerettet wurde er von der Bande Automatenknacker. Die dulden nämlich keine Fremdgewalt in ihrem Revier. Freiwillig hält sich Klaus-Günther seitdem übrigens nicht mehr in der Nähe von Zigarettenautomaten auf. Dabei ist er mir immer noch die Veranschaulichung der Lutheranischen Vorstellung schuldig. Die glauben schließlich nicht an eine Hostienwandlung. Wir hätten also nicht nur die Kippen bekommen, sondern auch das Geld zurück.
(c) Thilo Bock. |
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